Beschreibungen der Workshops/Vorträge

Prof. Dr. Josef Held

Vortrag: Subjektwissenschaftliche Handlungsforschung: Ein partizipativer Ansatz am Beispiel von zwei empirischen Projekten

Beschreibung des Vortrags: Der subjektwissenschaftliche Forschungsansatz richtet sich gegen die Vernachlässigung des Subjekts und strebt im Forschungsprozess eine Erweiterung der Handlungsfähigkeit bei allen Beteiligten an. In Erweiterung der früheren Handlungsforschung geht die subjektwissenschaftliche Forschung von einer Intersubjektivitätsbeziehung zwischen Forscher*innen und Mitforscher*innen in einem partizipativen Forschungsprozess aus. Es handelt sich dabei um einen wechselseitigen Lernprozess.

Die Tübinger Forschungsgruppe führt derzeit zwei Forschungsprojekte mit subjektwissenschaftlichem Anspruch durch. In dem einen Projekt geht es um die Orientierung Jugendlicher im Kontext von Rechtspopulismus und Fluchtbewegung, in dem anderen um den Übergang von jungen Geflüchteten in den Beruf. An Hand dieser beiden Projekte soll deutlich gemacht werden, welche Möglichkeiten, aber auch welche Schwierigkeiten sich dabei ergeben.

Zur Person: Dr. Josef Held ist Professor für Pädagogische Psychologie und leitet die „Tübinger Forschungsgruppe für Migration, Integration, Jugend und Verbände“. Er hat das Handbuch Subjektwissenschaft mit herausgegeben.

Allespach, M., & Held, J. (Eds.). (2015). Handbuch Subjektwissenschaft. Ein emanzipatorischer Ansatz in Forschung und Praxis (1.Aufl. ). Frankf.M.: Bund-Verlag.


Dr.in Johanna Stadlbauer

Workshop: Autoethnografie

Beschreibung des Workshops: Dieser Workshop richtet sich an qualitativ Forschende, die Interesse an einer Auseinandersetzung mit der Rolle von Subjektivität und Reflexivität haben.

Autoethnografie ist eine Forschungsmethode und zugleich eine Form wissenschaftlichen Schreibens, in der Autor*innen sich auf ihre eigene gelebte Erfahrung beziehen. Sie verbindet das Persönliche mit dem Kulturellen und verortet das forschende Selbst und seine Anderen in einem sozialen Kontext (vgl. Reed-Danahay, 1997). Der Schreibprozess hat in der Autoethnografie einen ähnlichen Stellenwert wie die Interpretation in der interpretativen Forschung: die Textproduktion wird hier gedacht als „Method of Inquiry“ (Richardson & Adams St. Pierre, 2000). Autoethnografien sind somit nicht das Produkt eines Verstehensprozesses, sondern der Verstehensprozess selbst – im Schreiben wie auch im Lesen des Textes durch die RezipientInnen entsteht dieser performativen Forschungslogik nach Bedeutung und Erkenntnis.

Die Arbeit im Workshop soll ausloten, inwieweit Autoethnografie Anregungen für die eigene Forschungspraxis beinhalten kann.

Zur Person: Dr.in Johanna Stadlbauer, Kulturanthropologin, Dissertation (Universität Graz, 2014) zum Bereich Gender & Migration. Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Männer- und Geschlechterforschung Graz sowie beim Verein JUKUS (Projekt „Vorurteile überwinden“). 2015 bis 2016 Postdoc-Assistentin am Institut für Kulturanalyse an der Universität Klagenfurt, 2012 bis 2015 Universitätsassistentin am Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie der Universität Graz. Koordiniert das Grazer Netzwerk Qualitative Forschung seit 2010.


Ao.Univ.- Prof.in Mag.a Dr.in Marion Sigot

Forschung und Inklusion: Chancen und Herausforderungen partizipativer Forschung am Beispiel der Teilhabe von Menschen mit Lernschwierigkeiten

Beschreibung des Workshops: Im Workshop skizziert die Moderatorin eingangs eigene Erfahrungen mit partizipativer Forschung. Umgesetzt wurde dies im Rahmen ihres Habilitationsprojektes mit dem Modell einer Referenzgruppe, die aus Frauen mit Lernschwierigkeiten bestand, die selbst „in ihrer Sozialisation die Erfahrung des Behindert-Werdens gemacht“ (Flieger, 2007, S. 22) haben. Ausgehend davon sollen Überlegungen der Teilnehmer*innen des Workshops zur Umsetzung partizipativer Forschung in eigenen Forschungsprojekten in Hinblick auf förderliche Faktoren reflektiert werden. Dabei steht die Teilhabe von Personen im Fokus, denen auch im akademischen Kontext üblicherweise die Kompetenz, an Forschungsprojekten teilzuhaben, abgesprochen wird.

Zur Person: Drin Marion Sigot lehrt und forscht am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung, Abteilung für Sozial- und Integrationspädagogik an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt zu Fragen im Kontext von Inklusion und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung.


Prof. Dr. Stefan Thomas

Vortrag: Gütekriterien in der partizipativen Forschung. Eine Reflexion auf die Forschungspraxis

Beschreibung des Vortrags: Gütekriterien in der partizipativen Forschungsmethodik lassen sich nicht als universelle Standards allein aus der Methodologie begründen. Neben einer wissenschaftsimmanenten Herleitung müssen diese kontextuell auf Forschungsgegenstand und -praxis bezogen sein. Von strategischer Bedeutung bei der Umsetzung einer partizipativen Studie ist das Forschungsforum. In diesem kommen die Berufs- und die Co-Forscher*innen zur gemeinsamen Planung und Durchführung der Untersuchung zusammen. Partizipation sollte nicht nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip gedacht werden. An den unterschiedlichen Stationen ist im Forschungsforum immer wieder neu zu überlegen, wie die Co-Forscher*innen in den Forschungs- und Erkenntnisprozess einbezogen werden können. Von den theoretischen und praktischen Herausforderungen partizipativer Methodik ausgehend möchte ich Vorschläge zur Bestimmung von geeigneten Gütekriterien entwickeln. 

Workshop: Das Research Forum als Raum sozialer Selbstverständigung: Möglichkeiten der Einbindung von Co-Researcher*innen in einem partizipativen Forschungsprojekt

Beschreibung des Workshops: Partizipative Methoden befördern einen fortlaufenden Untersuchungsprozess, der auf Kommunikation und Verstehen untern den Forschungspartner*innen aufbaut. An den methodischen Planungen und Entscheidungen sind die Berufsforscher*innen und die Akteur*innen alltäglicher Lebenspraxen als Co-Forscher*innen beteiligt. Auf der Grundlage von drei Forschungsprojekten – in einem Obdachlosenwohnheim, in Mehrgenerationenwohnprojekten und mit einer Peer-Research-Gruppe unbegleiteter minderjährige Flüchtlinge – möchte ich mit den Teilnehmenden die forschungsstrategische Bedeutung eines „Research Forums“ diskutieren. Das Research Forum bildet im optimalen Fall einen kommunikativen Raum der aktiven Partizipation der Co-Researcher*innen im Forschungsprozess. Die Teilnehmer*innen des Workshops können mich gerne im Vorfeld – über die Kontaktangaben der Veranstalter*innen – mit eigenen Ideen und Plänen zu einer qualitativen Studie kontaktieren, um Umsetzungsperspektiven partizipativer Methoden gemeinsam zu besprechen.

Zur Person: Dr. Stefan Thomas ist Professor für Empirische Sozialforschung und Studiengangsleiter des Masters „Childhood Studies and Children’s Rights“ an der Fachhochschule Potsdam. Gegenwärtig forscht er mit einem Schwerpunkt auf Ethnografie, Praxisforschung und partizipativer Methodik zur Situation von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten sowie zu Gemeinschaft und Intergenerationalität in Mehrgenerationenwohnprojekten.

Bergold, J. B., & Thomas, S. (2017). Partizipative Forschung in der Psychologie. In G. Mey & K. Mruck (Eds.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (2., überarb. und erweitert. Aufl.). Wiesbaden: Springer. doi:10.1007/978-3-658-18387-5_25-1.


Dr. Martin Dege

WorkshopKritisch oder Was? Zum Verhältnis von Forschung und politischem Handeln

Beschreibung des Workshops: In diesem Workshop wollen wir ein doppeltes erreichen: Zum einen wollen wir uns die Frage stellen, was es eigentlich bedeuten soll, ‘kritisch’ zu sein bzw. ‘kritische Wissenschaft’ zu betreiben. Zum anderen wollen wir uns anschauen, inwiefern eine so verstandene ‘kritische’ Wissenschaft selbst wiederum spezifischen Standards und Gütekriterien unterliegt. Kontrastieren wollen wir die Idee einer ‘kritischen Wissenschaft’ mit dem Begriff des ‘politischen Menschen’ und politischem Handeln. Um uns dieser Perspektive anzunähern setzen wir uns explizit mit den innerhalb der Action Research Tradition entwickelten Ansätze auseinander.

Zur Person: Dr. Martin Dege ist akademischer Mitarbeiter im Bereich Inklusions- und Organisationsforschung an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte sind Geschichte und Theorie der Psychologie, Kulturpsychologie, sowie Digital Humanities.


Paul Sebastian Ruppel

Workshop: Qualitative Forschungswerkstatt als kooperatives Unterfangen interpretativer Praxis

Beschreibung des Workshops: Qualitative Datenanalyse findet nicht ausschließlich solitär, sondern idealiter auch gemeinschaftlich etwa in Forschungswerkstätten statt. Da sich nur in wenigen eine Einbindung von Mitforschenden findet, stellt sich die Frage, inwiefern es gelingen kann, ihre „Stimmen“ angemessen zu berücksichtigen. Im Workshop wenden wir uns dem gemeinsamen Ringen um multiperspektivische Interpretationen und intersubjektive Nachvollziehbarkeit in Forschungswerkstätten zu. Wir beleuchten, welche Potenziale und Herausforderungen sich ergeben, wenn über Daten mit anderen Forschenden gesprochen wird, wie diese am Forschungsvorhaben Anteil nehmen können und reflektieren, wie sie sich in dieses einschreiben, es vielleicht sogar partiell umschreiben.

Im Workshop sollen Erfahrungen mit gemeinsam verfertigten Interpretationen besprochen werden. Auch besteht die Möglichkeit, Daten aus einem Forschungsvorhaben gemeinsam zu analysieren und diese Analysepraxis anschließend zu reflektieren.

Zur Person: Paul Sebastian Ruppel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sozialtheorie und Sozialpsychologie an der Fakultät für Sozialwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum und freier Mitarbeiter im Institut für Qualitative Forschung in der Internationalen Akademie Berlin. Seit 2006 ist er Mitherausgeber des Journals für Psychologie und seit 2016 Associate Editor bei Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research. Forschungs- und Interessensschwerpunkte: Qualitative Forschung, Kulturpsychologie, Identitätsforschung, Klimawandel und Mobilität.


Monique Kaulertz

Vortrag: Vorstellung des Forschungsprojekts „Erzählen und Schweigen in der Institution Asyl – Grenzen und Möglichkeiten der (Selbst-)Artikulation in einer ‚Kultur des Misstrauens‘“

Beschreibung des Vortrags: Über ihre Erfahrung während der Feldforschung zu ihrer Doktorarbeit gelangte Monique Kaulertz auch zur Arbeit mit performativen und partizipativen Methoden. In ihrem Vortrag wird sie anhand von Beispielen aus ihrer Arbeit exemplarisch Potentiale, Herausforderungen und Grenzen partizipativer und mitunter performativer Forschung aufzeigen. Dabei zeichnet sich ihre Forschung neben der Methodenvielfalt vor allem durch die Arbeit mit Menschen aus, die Fluchterfahrungen machen mussten und mit denen mehr- oder fremdsprachig zusammengearbeitet wurde. Forschungspartner*innen sind von Erfahrungen vor und während der Flucht sowie mit der Asylbürokratie beeinflusst und bringen ihre Themen in die Forschung mit. Was dies bedeuten kann, darüber soll u.a. gesprochen und diskutiert werden.

Zur Person: Monique Kaulertz promoviert am Lehrstuhl für Sozialtheorie und Sozialpsychologie (Prof. Jürgen Straub) in Bochum zum Thema »Erzählen und Schweigen in der Institution Asyl. Grenzen und Möglichkeiten der (Selbst-)Artikulation und Anerkennung in einer ›Kultur des Misstrauens‹«. Im Rahmen ihrer (Feld-)Forschung arbeitet sie auch mit partizipativen und performativen Methoden. Ihre Interessensschwerpunkte liegen unter anderem auf kritischer Migrationsforschung, qualitativer Forschung zu staatlicher Gewalt, Trauma und Menschenrechtsverletzungen, narrativer Psychologie und postkolonialer Theorie.


Podiumsdiskussion: „Ethische Aspekte in der partizipativen Forschung und das emanzipatorische Potential dieses Forschungsstils“

Wissenschaftler*innen müssen sich in ihren Forschungsvorhaben immer mit ethischen Fragen auseinandersetzen. Gerade in der partizipativen Forschung, durch die Nähe zu den Mitforschenden, verlangt diese Art der Forschung von den Wissenschaftler*innen stets in besonderem Maße den Prozess und Umgang zu reflektieren sowie ethisch fundierte Entscheidungen zu fällen (Bergold & Thomas, 2012). Im Forschungsprozess stellt sich dabei an zahlreichen Stationen nicht nur die Frage nach der Durchführung der einzelnen Schritte, sondern auch die Frage nach der Realisierung der Teilhabe der Mitforschenden und der gleichzeitigen Achtung ethischer Grundsätze. So wird gefragt: Welche Normen und Regeln sollen für den Umgang gelten? Wie gestalten die Forschenden die Beziehung zu den Mitforscher*innen? Inwieweit wird die Teilhabe realisiert und in welchen Schritten der Forschung ist Partizipation wirklich möglich? Wie geht man damit um, wenn dies nicht möglich ist? Wo werden vielleicht auch Grenzen überschritten?

Jede dieser Schwierigkeiten, Chancen und Überlegungen sollen in der Podiumsdiskussion Raum finden. Hinzu kommen die Fragen, inwieweit sich durch die Partizipation von den Mitforscher*innen Potenziale am Forschungsprozess ergeben und welche emanzipatorischen Möglichkeiten daraus entstehen? Wie werden auch Handlungsräume und Handlungsmöglichkeiten durch diese Art zu forschen für die Mitforscher*innnen erweitert?

Wir freuen uns auf eine spannende Podiumsdiskussion, in der vier Expert*innen über ihre Positionen und Perspektiven diskutieren werden.

Bergold, Jarg & Thomas, Stefan (2012). Partizipative Forschungsmethoden: Ein methodischer Ansatz in Bewegung [110 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 13(1), Art. 30, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1201302.